Interview mit Dr. Sebastian Bohrn Mena

Dr. Sebastian Bohrn Mena, Blog Sandy P.Peng Tierschutz
Dr. Sebastian Bohrn Mena

"Tierfabriken und Massentransporte stehen stellvertretend für die industrialisierte und entmenschlichte Verwertungsmaschinerie der Konzern-Landwirtschaft. Hier steht einzig die Profit-Maximierung im Vordergrund, Tiere sind zu bloßen „Ressourcen“ reduziert die beliebig verschoben und verbogen werden können. Das beginnt bei der Zucht und endet im Kühlregal."

 

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Diesen Werten möchte Dr. Sebastian Bohrn Mena, Kandidat für den Nationalrat der Liste Pilz, neues Leben einhauchen. Er übernimmt nicht nur Verantwortung für Menschen sondern auch für die Tiere und die Natur. Dass es sich hierbei nicht nur um leere Worthülsen handelt, davon durften wir uns in einem Interview mit ihm selbst überzeugen. In diesem Interview erzählt er, was für ihn diese Begriffe bedeuten, welche konkreten Forderungen er einbringen möchte und warum er es als notwendig betrachtet, eine Lobby für Tierschutz im österreichischen Nationalrat zu etablieren.

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena, Kandidat für den Nationalrat der Liste Pilz, August 2017

 

Judy: Auf deiner Website platzierst du die Schlagworte „Menschenrechte“ und „Tierschutz“ direkt unter deinem Namen. Siehst du hier einen Zusammenhang und wenn ja, welchen?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Mir sind die Menschenrechte und der Tierschutz gleichermaßen große Anliegen. Beides verbindet der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit – für Mensch und Tier. Es gibt zahlreiche direkte Zusammenhänge, etwa bei der Verteilungsgerechtigkeit oder im Klimaschutz gut ersichtlich, wo die Art wie wir mit Tieren umgehen ganz maßgeblichen Einfluss auf die Lebensbedingungen für Menschen hat oder umgekehrt, wie mit Menschen umgegangen wird, maßgeblich Einfluss auf Tiere hat. Ein erschreckend eindrückliches Beispiel liefert hier etwa Kathrin Hartmann in ihrem Buch „Aus kontrolliertem Raubbau“, wo sie aufzeigt, wie Konzerne sich mithilfe korrupter Regierungen in Südostasien rechtswidrig Land aneignen, Menschen vertreiben und in die Armut stürzen, natürliche Lebensräume und ganze Tierarten vernichten. Ganz besonders wichtig ist mir daher die Förderung einer ganzheitlichen Perspektive die aufzeigt, wie stark Mensch, Tier und Umwelt miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind. Auch vor dem Hintergrund dessen, dass das Wohl von Mensch und Tier eben nicht gegeneinander aufgewogen werden darf. Weil für mich eben Jedes Leben zählt.

 

Judy: Was verstehst du unter „Tierschutz“? 

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Unter Tierschutz verstehe ich die Sicherung der Unversehrtheit und die Minimierung von Leid von allen Tieren – also gleichermaßen sogenannter „Nutztiere“, Wildtiere oder Haustiere. Die Formulierung im Bundestierschutzgesetz (bspw. §1 bzw. §5) ist diesbezüglich in der Theorie recht gut, die Praxis schaut leider völlig anders aus. Für mich ist das bewusste und wertschätzende Zusammenleben mit Hunden und Katzen genauso gelebter Tierschutz wie die Rettung von ausgesetzten Tieren, wie der Aktivismus zur Dokumentation und Verhinderung von Tierleid, wie die kritische Reflexion eingeübter Glaubenssätze zur Wertigkeit von Tieren oder die Beteiligung an Spendenaktionen, an Petitionen oder Demonstrationen. Es gibt hundert verschiedene Möglichkeiten und Wege sich in diesem Sinne für das Wohl der Tiere einzubringen und jeder einzelne Schritt ist wichtig und wird auch dringend benötigt. Wichtig ist, dass wir uns bewusstmachen, dass Tierschutz uns alle angeht – und dass wir alle in unserer Lebenswelt etwas dazu beitragen können.

 

Judy: Du möchtest, als Teil der Liste Pilz, die Themen Tierschutz und Tierrecht weiter in eine gesamtgesellschaftlich-relevante politische Debatten einbringen. Gibt es hier bestimmte Themen, die dir besonders am Herzen liegen? Wofür setzt du dich konkret ein?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Seit Jahren wirke ich – auch in Zusammenarbeit mit kleinen Initiativen und großen NGOs - in der Bewusstseinsbildung und setze mich dafür ein, dass Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen im Zusammenleben von Mensch & Tier auf individueller wie kollektiver Ebene verständlich werden. Das Ziel dahinter war stets, Menschen in die Lage zu versetzen selbstbestimmt Entscheidungen für ihre Lebenswelten zu treffen – befreit von erlernten Glaubenssätzen und gezielten Manipulationen. Doch das reicht nicht. Wir werden den Millionen-Marketingbudgets und dem unerbittlichen Profitstreben der Lobbys immer einen Schritt hinterherhinken. Daher ist nun für mich der Punkt gekommen, das Ganze auch auf die politische Ebene zu tragen um Rahmenbedingungen nachhaltig und strukturell zu verändern. Das beginnt beim Bundestierschutzgesetz, das viel zu viele Ausnahmen und unpräzise Formulierungen kennt, bis hin zu diversen Verordnungen, die den Profit und nicht das Tierwohl im Fokus haben. Im Grunde geht’s aber um noch mehr: Ich möchte im Nationalrat, dem Ort wo die meisten Bestimmungen erlassen werden, eine Lobby für den Tierschutz aufbauen. Ich möchte den Stimmlosen eine Stimme geben und der starke politische Verbündete der zigtausenden im Tierschutz aktiven Menschen sein.

 

Judy: Mit der Forderung der Abschaffung von Massentransporten und der Schließung aller Tierfabriken, beziehst du eine sehr klare Position, die vermutlich auf Widerstand, gerade aus der Agrarindustrie, stößt. Warum sind dir gerade diese Forderungen wichtig?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Tierfabriken und Massentransporte stehen stellvertretend für die industrialisierte und entmenschlichte Verwertungsmaschinerie der Konzern-Landwirtschaft. Hier steht einzig die Profit-Maximierung im Vordergrund, Tiere sind zu bloßen „Ressourcen“ reduziert die beliebig verschoben und verbogen werden können. Das beginnt bei der Zucht und endet im Kühlregal. Diese Beispiele stehen symbolhaft u.a. für bewusste Intransparenz, für die Verschwendung von Steuergeldern, für die Umverteilung von unten nach oben, für Umweltzerstörung und natürlich für Tierleid auf hunderten Ebenen. Das trifft aber auf viele andere Bereiche ebenso zu. Ich habe diese beiden Forderungen daher bei der Pressekonferenz exemplarisch angeführt um zu unterstreichen, wie ich meinen Weg anlegen möchte und wie mein politisches Selbstverständnis im Tierschutz aussieht. Mir geht’s drum Zusammenhänge aufzeigen und nicht nur auf der Symptomebene zu wirken, sondern strukturell etwas zu verändern. Denn genau das fehlt uns derzeit ganz massiv.

 

Judy: Mehrere deiner Blogartikel drehen sich um das neue Tierschutzgesetz. Du beanstandest darin einige Punkte und nennst es „ein Gesetz, welches dem Tier schadet“. Was sollte aus deiner Perspektive dringend in einer Gesetzesnovelle geändert werden? Wie würdest du ein Tierschutzgesetz gestalten? 

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Manche der Formulierungen des TSG sind ganz wunderbar – hier sind wieder beispielhaft §1 und §5 genannt, die wohl jeder und jede von uns unterschreiben würde. Das Problem sind die vielen Ausnahmen, die vielen Einschränkungen und die gezielte Aushöhlung dessen, was in diesem Gesetz als Grundziele verankert wurde. Ein Tierschutzgesetz kann nur dann seine Wirkung entfalten, wenn es auch in der Praxis greift und Zuständigkeiten und Kompetenzen nicht bewusst hin- und hergeschoben werden. Mein Ziel lautet daher im Parlament gezielt Allianzen aufzubauen, um die notwendigen Adaptierungen im Gesetz vorzunehmen und Lücken zu schließen. Und maßgebliche Punkte, die in anderen Gesetzen geregelt sind aber große Auswirkungen auf den Tierschutz haben, etwa ein Verbandsklagerecht oder die Spendenabsetzbarkeit für anerkannte Tierschutzorganisationen, auch entsprechend voranzutreiben. Es wird nicht dabei bleiben, ein Gesetz zu verbessern – wir müssen auf allen Ebenen dafür sorgen, dass Tiere nicht als Objekte sondern als Lebewesen verstanden und auch so behandelt werden.

 

Judy: In deinem politischen Leitsatz für das Jahr 2017 beschreibest du eine Haltung, die einen Tierschutz über das eigene Haustier hinaus beinhaltet. Du nennst es „ein ehrliches Interesse an einer Änderung der Rahmenbedingungen für alle Lebewesen“. Was denkst du: Warum hinterfragen viele Menschen nicht, wen sie essen und wen sie streicheln?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Melanie Joy hat das gut auf den Punkt gebracht: Wir werden von der Kindheit an darauf konditioniert, dass manche Lebewesen wertvoller sind als andere, sich einen anderen Umgang verdient haben. Ich habe selbst oft bei Kindern eine sehr authentische Reaktion erlebt, wenn sie zufällig erkennen, woher ihr Schnitzel kommt. Die Gefühle werden da auch noch zugelassen, der Verdrängungsmechanismus ist noch nicht so aktiv. Mit der Zeit übernehmen wir aber die Logik, dass manche Lebewesen nun mal gegessen werden. Und beginnen Rechtfertigungskonstruktionen zu reproduzieren – es sei „natürlich“, es sei „Tradition“, der Körper brauche es. Die Fleischindustrie investiert Millionen darin uns zu verkaufen, wie normal und gesund das alles wäre. Und wird dabei leider auch von der Politik unterstützt, die noch dazu unser aller Steuergeld dafür verwendet. Dazu kommt, das habe ich in den Jahren seit ich selbst keine Tiere mehr esse (seit 2012 also) erst so richtig bewusst erlebt, dass die Ernährung für Menschen zutiefst identitär ist. Kritische Reflexionen zum Konsumverhalten werden oftmals reflexartig mit Witzen, mit Aggression oder mit purer Ignoranz abgetan. Umso wichtiger ist mir, dass wir Diskurse nicht verurteilend führen. Mir ist es ein großes Anliegen möglichst sachlich die Geschichte des Schnitzels aufzuzeigen und Zusammenhänge bei der Entstehung – von der ökologischen über die ethische bis hin zur verteilungspolitischen Perspektive. Mein Wunsch dahinter ist es, Menschen dabei zu unterstützen und zu begleiten möglichst selbstbestimmt Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Vieles ist in der Fleischindustrie bewusst intransparent gehalten. Das gilt es aufzuzeigen, um die vielzitierte „Macht der KonsumentInnen“ zu stärken. Das reicht aber nicht. Wir benötigen darüber hinaus auch die „Macht der BürgerInnen“ – das klappt aber nur, wenn es endlich eine politische Vertretung für jene gibt, die an den (gesetzlichen) Rahmenbedingungen substanziell etwas verändern möchten. Diese Vertretung möchte ich aufbauen, gemeinsam mit den Vereinen und NGOs, die schon sehr lange und gut in dem Bereich wirken.

 

JudyAuf deiner Homepage ist ersichtlich, dass du deine politische Laufbahn schon als Jugendlicher, während der Lehrzeit, begonnen hast. Kannst du dich an ein bestimmtes Erlebnis erinnern, dass dich dazu motiviert hat, dich politisch engagieren?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Meine Familiengeschichte mütterlicherseits hat mich früh politisiert. Mein Großvater war in Chile sozialistischer Landeshauptmann unter Präsident Salvador Allende. Nach der Machtübernahme der Faschisten 1973 wurde er entmachtet, interniert und gefoltert und konnte nach zwei Jahren im Konzentrationslager, aufgrund damals gelebter internationaler Solidarität unter Bruno Kreisky, mit seinen vier Kindern nach Österreich flüchten. Das hat mich von Klein auf geprägt. Politik war also seit meiner Kindheit allgegenwärtig für mich. Der erste Moment indem das „politische Gen“ aktiviert wurde, waren meine Erfahrungen in der Zeit als Lehrling. Die Art und Weise wie ich behandelt wurde, das Miterleben von Missständen in der Ausbildung auch bei Lehr-KollegInnen, hat mich dazu gebracht mich gewerkschaftlich zu organisieren. Damit war der erste konkrete Schritt politischen Aktivismus getan. Seither sind über 15 Jahre vergangen und es mögen sich die Rahmenbedingungen verändert haben, ich bin nun Führungskraft und nicht mehr Lehrling, aber nicht die Notwendigkeit für persönliches Engagement. Meine Sensibilität für den politischen Tierschutz wurde vor einigen Jahren vergleichsweise spät geweckt, ist dafür aber mittlerweile umso stärker.

 

Judy: Worin siehst du einen gesellschaftlichen Mehrwert von freiwilligem Engagement? Was könnte das für den Tierschutz bedeuten?

 

Dr. Sebastian Bohrn Mena: Von der Freiwilligen Feuerwehr am Land über die Betreuung von Angehörigen im Familienkreis, von der Betreuung von Flüchtlingen über die alltägliche Nachbarschaftshilfe – freiwilliges Engagement trägt unsere Gesellschaft. Sie muss aber leider auch viel zu oft die Aufgaben des Staates kompensieren, weit über die Grenzen der Aktiven hinaus. Im Tierschutz sehen wir etwa in der Rettung und Pflege von ausgesetzten Katzen oder Hunden, wie wertvoll der persönliche Einsatz von Menschen ist. Oder im tierschutzpolitischen Aktivismus, wenn etwa Missstände dokumentiert oder Misshandlungen gestört werden. In vielen Fällen erleben Aktive hier aber keine Unterstützung durch die Politik, sondern zusätzliche und teils völlig willkürliche Blockade ihres ohnehin schon Kraft- und zeitraubenden Engagements. Der Tierschutzprozess sollte uns hier eine ewige Mahnung sein. Wir werden auch in Zukunft darauf angewiesen sein, dass zigtausende Menschen sich für das Wohlergehen von Tieren verantwortlich fühlen – und Verantwortung übernehmen. Doch in meiner Zukunftsvision erhalten diese Menschen die maximale Unterstützung durch die Politik und Verwaltung. Wir könnten so viel Leid und Elend verhindern, die Situation von Tieren so entscheidend verbessern, wenn es uns gelingt, hier eine Ebene aufzubauen, wo tatsächlich alle Beteiligten sich wechselseitig unterstützen und bereichern.

 


Dr. Sebastian Bohrn Mena, Sandy P.Peng Blog
Dr. Sebastian Bohrn Mena

K O N T A K T

 

Der persönliche Kontakt ist Sebastian sehr wichtig und es gibt verschiedene Möglichkeiten mit ihm ins Gespräch zu kommen. Auf seiner Facebook-Seite ist er als politische Privatperson erreichbar und freut sich auf Austausch. Für Presseanfragen und alle weiteren Anliegen, am besten einfach eine Nachricht an sebastian@bohrn-mena.at schicken.

 

WEBSEITE: http://bohrn-mena.at/

FACEBOOK: Sebastian Bohrn Mena

E-MAIL: sebastian@bohrn-mena.at 

BLOG: http://bohrn-mena.at/blog/

Dr. Sebastian Bohrn Mena, Sandy P.Peng Blog

Bloggerin Judy lebt in Vorarlberg, am schönen Bodensee. Während ihres Soziologiestudiums begann sie, sich intensiv mit Human-Animal-Studies zu beschäftigen. Mensch-Tier Verhältnisse, in ihren verschiedensten Facetten, faszinierten sie so sehr, dass sie sich auch in ihrer Masterarbeit damit auseinandersetzte. Von Kindesbeinen an lebte sie mit Tieren zusammen. Aktuell begleitet sie Kalle, ein sechsjähriger Mischlingsrüde, mit dem sie am liebsten ihre freie Zeit gemeinsam im Wald verbringt. 


Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.