Undercover für Tiere - Interview mit Tierrechtler Jan Peifer

"Durch mein bloßes Auftreten auf einer Pelzfarm in Hörsten (NRW) sollen angeblich 1.385 Nerze tot umgefallen sein, den Schaden sollte ich zahlen. Was wie ein Scherz klingt, war für mich aber bitterernst, denn das Landgericht Bonn hat die Klage zugelassen und so musste ich mich in der Sache tatsächlich vor Gericht verantworten."

 

1. Sandy: Seit wann bist du im Tierschutz aktiv und wie kam es dazu? 

 

Jan: Ich bin seit über 18 Jahren aktiv im Tierschutz und setze mich seitdem dafür ein, dass Tiere mehr Rechte bekommen und nicht mehr gequält werden. Angefangen hat alles damit, dass bei mir eine Unverträglichkeit gegen tierisches Eiweiß festgestellt worden ist und ich mich daher seit meinem 14. Lebensjahr vegan ernähre. Anfangs hatte ich mit Tierschutz oder Tierrechten keine große Berührung, natürlich habe ich mich selbst als tierlieb bezeichnet, aber wer tut das nicht? Nach und nach kam dann die Ethik hinzu und ich wurde aktiv. Anfangs mit kleinen Demos vor Zirkussen, Tierversuchslaboren und Schlachthäusern, jetzt mit groß angelegten Kampagnen und Aktionen, wie z.B. der Kampagne Bogner tötet (bei der wir versuchen, das Modehaus davon zu überzeugen, Pelz aus dem Sortiment zu nehmen).

 

2. Sandy: Dein Einsatz für Tiere umfasst unterschiedliche Themen. “Nutz”tierhaltung, Tiere im Zirkus, Zoo, Pelzfarm und vieles mehr. Das Ergebnis deiner verdeckten Ermittlungen sind unter anderem Hunderte Medienberichte und zig TV-Ausstrahlungen. Gibt es ein Thema, welches dir ganz besonders am Herzen liegt?

 

Jan: Mich berührt am meisten das Schicksal der so genannten Nutztiere, also Schweine, Hühner, Puten, Kühe usw. Diese Tiere werden einfach von unserer Gesellschaft auf den Nutzen reduziert und auch so genannt. Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, warum „wir“ Hund, Katze und Kaninchen streicheln und Enten, Hühner und Schweine essen. Ich setze mich daher zusammen mit meinem Team vom Deutschen Tierschutzbüro sehr stark für diese – von der Gesellschaft abgestempelten – Tiere ein. So wollen wir z.B. mit der Kampagne „Schweinehochhaus schließen“ auf der einen Seite den geschundenen Tieren im Schweinehochhaus eine Stimme geben und dafür werben, dass man solche Tiere nicht isst und auf der anderen Seite natürlich das Hochhaus beerdigen, denn es steht für Ausbeutung von Tieren.

 

3. Sandy: Laut Tierschutzgesetz ist es verboten ein Tier ohne vernünftigen Grund zu töten oder ihm Leid zuzufügen. Wie kommt es, dass trotzdem tagtäglich Millionen Tiere für Bekleidung, Nahrung, Forschung und Unterhaltung gequält und getötet werden dürfen?

 

Jan: Eine Frage, die ich und wir uns im Team auch ständig stellen. Die Antwort ist leider, weil es niemanden interessiert und die Lobbyisten der großen Agrarfirmen so mächtig und einflussreich sind, dass jede Kritik an ihnen abprallt. Im Tierschutzgesetz steht in § 1 „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Das klingt sehr gut, in der Praxis wird dies aber in keinster Weise eingehalten. So werden z.B. Versuche an Tieren oder das Schlachten von Tieren als „vernünftiger Grund“ gesehen, was natürlich völlig absurd ist. Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, selbst aktiv zu werden und keine tierischen Produkte mehr zu essen und zu tragen, nur so kann man den Tieren effektiv und nachhaltig helfen.

 

4. Sandy: In Maasdorf (Sachsen-Anhalt) steht das „Schweinehochhaus“. Massentierhaltung auf sechs Etagen. Das erste Mal davon erfahren habe ich als ich auf Facebook von deiner Kampagne gelesen habe. Das Unternehmen hat nur ein Ziel: Produktion von Billigfleisch - maximaler Profit! Trotz zahlreicher Proteste der Bevölkerung wird diese systematische Tierqual von der Regierung geduldet und subventioniert. Bitte erzähl uns darüber.

 

Jan: Mehr aus Zufall bin ich auf das Schweinehochhaus aufmerksam geworden. Es ist einzigartig in ganz Europa: Auf 6 Etagen werden ca. 500 Zuchtsauen und mehrere zehntausend Ferkel gehalten. Beim Schweinehochhaus handelt es sich um eine Ferkelzucht (Ferkelfabrik), die Tiere werden dann an Mästereien in ganz Deutschland und ins Ausland verkauft. Seit Jahren demonstrieren wir vor dem Hochhaus, wir wollen, dass es schließt. Immer wieder haben wir auch die Zustände innen drin dokumentiert, in engen Kastenständen (Käfigen) müssen die Zuchtsauen leben. Derzeit läuft noch eine Strafanzeige gegen den Betreiber, das müssen wir jetzt erst mal abwarten. Allerdings steht für mich und uns fest: Wir werden so lange weitermachen, bis dieses Horrorhaus endlich geschlossen ist. Siehe auch www.schweinehochhaus.de

 

5. Sandy: Die Klage: „Circus Krone quält Tiere“. Was steckt dahinter?

 

Jan: Vor einigen Jahren habe ich eine Demo vor dem Zirkus in Berlin organisiert, an der sich über 100 Menschen beteiligt haben. Viele Besucher, die wir direkt vor Ort informiert haben, gingen daraufhin nicht in den Zirkus. Das hat Krone offenbar sehr getroffen. Mich hat man dann angezeigt wegen „übler Nachrede“, weil ich gesagt habe: „Zirkus Krone quält Tiere“. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat das Verfahren recht schnell eingestellt, und als wir dann über diesen Erfolg in unserem Newsletter berichtet haben, gab es die nächste Anzeige, gleicher Tatvorwurf, gleiche Formulierung. Schon etwas komisch. Diesmal kam es auch zu einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Berlin Tiergarten. Wir haben das Verfahren dafür genutzt, um aufzuzeigen, wie die Tiere bei Krone gehalten werden. Dazu lag uns auch aktuelles Videomaterial vor, das zeigte, dass die Elefanten bei Krone Verhaltensstörungen zeigten (das so genannte Weben, der Kopf der Tiere ging immer hin und her). Viele Medien sind zu dem Gerichtstermin gekommen, und am Ende wurde ich freigesprochen. „Zirkus Krone quält Tiere“ darf ich nun ganz offiziell sagen. Aber nicht nur ich, sondern jeder. Weitere Informationen und Presseberichte: https://www.tierschutzbuero.de/krone-quaelt/

 

6. Sandy: Deine bekannteste Anti-Pelz-Kampagne: “Bogner tötet”. Wie reagiert das Unternehmen auf diese Aktion?

 

Jan: Im Dez. 2015 haben wir offiziell unsere Kampagne gegen Bogner mit dem Titel „Bogner tötet“ gestartet mit dem Ziel, dass das Modeunternehmen pelzfrei wird. Wir haben direkt vor den Filialen demonstriert und über das Internet zu Telefon- und E-Mail-Aktionen aufgerufen. Knapp 100.000 Menschen haben unsere Petition unterschrieben. Im Winter 2016 ist Bogner dann gerichtlich gegen uns vorgegangen, wir durften uns in der Folge nicht mehr direkt vor die Bognerhäuser stellen. Da wir uns gegen diese gerichtliche Entscheidung gewehrt haben, kam es gleich zu diversen Gerichtsverhandlungen. Im Zuge dessen entstand auch ein Dialog und es folgten Gespräche mit der Geschäftsführung. Derzeit pausiert unsere Kampagne. Bogner hat für 2018 angekündigt, dass sie über 50 % des Echtpelzes aus dem Sortiment nehmen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir Bogner in absehbarer Zeit komplett pelzfrei bekommen. Natürlich möchten wir, dass Bogner noch heute pelzfrei wird, doch wir müssen wohl noch ein wenig Geduld haben. Weitere Informationen unter http://www.bogner-toetet.de/

 

7. In deiner neusten Enthüllung hast du und dein Team aufgedeckt unter welchen grausamen Bedingungen Freiland- und Biohühner für die Eier-Produktion gehalten werden, u.a. hat die ARD in einer Reportage darüber berichtet. Warum sind Bio/Freilandeier aus Tierschutzsicht keine Alternative zu Käfigeiern?

 

Jan: Viele Verbraucher greifen im Supermarkt aus Tierschutzgründen nach Freiland- und Bioeiern. Doch leider werden auch die Hühner in dieser Haltungsform in der Massentierhaltung gehalten. Bei unserer aktuellen Recherche habe ich Bioställe mit 50.000 und mehr Hühnern gesehen, bei der Freilandhaltung werden sogar mehr als 100.000 Hühner pro Betrieb gehalten. Das hat natürlich nichts mit artgerechter Haltung zu tun. In einigen Betrieben waren an der Auslaufklappe ein Stromdraht gespannt oder Nägel eingelassen, das soll die Tiere daran hindern, in den Auslauf zu gelangen. Andere Betriebe hatten gar keinen Freilandauslauf, dennoch wurden die Eier als Freilandeier verkauft. Viele Medien haben über unsere Enthüllung berichtet und ALDI hat Eier aus den von uns dokumentieren Betrieben ausgelistet. Ich empfehle dem Verbraucher aber dennoch auf Eier zu verzichten, denn nur so kann man sich sicher sein, dass man keine Tierquälerei unterstützt. Weitere Informationen: https://www.tierschutzbuero.de/ei-tierquaelerei/

 

8. Sandy: Vor einigen Monaten habt ihr versteckte Kameras in eine Schweinezucht angebracht um die Zustände zu dokumentieren, was zeigten die Aufnahmen und gibt es rechtlich eigentlich Probleme, wenn du/ihr so was macht?

 

Jan: Die Kameras wurden in Zeven bei Bremen in eine Schweinezucht installiert. U.a. zeigten die Aufnahmen, dass so genannte Kümmerlinge (schwache Ferkel) nicht tierärztlich versorgt wurden, wie es das Gesetz eigentlich vorschreibt, sondern einfach auf den Boden geschlagen wurden, um sie zu töten. Das wurde in dem Betrieb auch nicht nur einmal, sondern mehrfach gemacht. Die Aufnahmen haben wir in die Öffentlichkeit gebracht, viele Medien wie RTL SternTV, ARD Brisant, NDR und BILD haben berichtet. Die Bilder waren sehr schockierend, doch leider ist das kein Einzelfall, das Totschlagen von Ferkeln ist nach unseren Recherchen gängige Praxis. Und hier spielt mal wieder das Thema Geld eine große Rolle, denn die Tiere werden so getötet, weil es billiger ist als sie tierärztlich zu versorgen. Gegen die Verantwortlichen haben wir eine Strafanzeige gestellt und hoffen nun, dass sie entsprechend bestraft werden. Weitere Informationen: https://www.tierschutzbuero.de/geborenumzusterben/

Rechtlich haben wir in diesem speziellen Fall bisher noch keine Probleme bekommen, aber vielleicht kommt das noch, mal schauen. In anderen Fällen versuchen die Betreiber natürlich immer wieder, gegen uns vorzugehen und überziehen uns mit Klagen. Wir lassen uns davon aber natürlich nicht abschrecken und werden weiter die Tierquälerei in die Öffentlichkeit bringen.

 

9. Sandy: Beeinflusst dein unermüdlicher Einsatz für Tiere auch dein Privatleben?

 

Jan: Natürlich. Mein Privatleben gibt es in dem Sinne überhaupt nicht. Mein Leben dreht sich immer um das Thema Tier. Das finde ich aber nicht schlimm, schließlich habe ich mir das Leben so ausgesucht und ich will schließlich auch etwas bewegen. In meiner „Freizeit“ bin ich daher gerne auf einem Lebenshof und miste aus. Das befreit Kopf und Seele, und was gibt es Schöneres, als gerettete Tiere in Freiheit zu sehen?

 

10. Sandy: Als Tierrechtler schafft man sich Feinde, erst recht wann man im Zuge der Ermittlungen illegale Tätigkeiten von millionenschweren Industriezweigen aufdeckt. Wurdest du von deinen Gegnern auch schon bedroht oder unter Druck gesetzt?

 

Jan: Leider kommt es immer wieder vor, dass ich bedroht oder verklagt werde. Vor allem die Pelzindustrie ist dabei gnadenlos. Als ich vor ein paar Jahren alle Pelzfarmen in Deutschland dokumentiert habe, wurde ich körperlich mehrfach attackiert und meine Kamera zerstört. Auch werde ich ständig wegen Hausfriedensbruch und ähnlicher Dinge angezeigt, bisher aber ohne nennenswerten Erfolg für die Industrie. In dem bisher größten Prozess hat man mich auf Schadenersatz in Höhe von 22.000 Euro verklagt. Durch mein bloßes Auftreten auf einer Pelzfarm in Hörsten (NRW) sollen angeblich 1.385 Nerze tot umgefallen sein, den Schaden sollte ich zahlen. Was wie ein Scherz klingt, war für mich aber bitterernst, denn das Landgericht Bonn hat die Klage zugelassen und so musste ich mich in der Sache tatsächlich vor Gericht verantworten. Schließlich gewann ich den Prozess, und mittlerweile ist die Pelzfarm auch geschlossen, also kann man sagen: Ende gut, alles gut. Dennoch zeigt dieses Beispiel, mit welchen Mitteln die Industrie versucht, mich und auch meine Mitstreiter mundtot zu machen.

 

11. Sandy: Ich habe das Gefühl, dass bei den Konsumenten und Konsumentinnen ein Umdenken stattfindet. Ist meiner Meinung nach unter anderem auch das Ergebnis der Tierrechtsbewegung die immer und immer wieder auf das verbundene Leid von konsumierten tierischen Produkten aufmerksam macht. Wie schätzt du die Aussichten im Tierschutz für die Zukunft ein?

 

Jan: Immer mehr Menschen wollen wissen, woher ihre Lebensmittel stammen, die sie essen, und hinterfragen sehr kritisch. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung, denn genau das wollen wir erreichen. Wir möchten, dass die Verbraucher genau hinschauen und ihr Konsumverhalten überdenken und natürlich auch verändern, denn nur so kann man wirklich den Tieren in der Massentierhaltung und auf Pelzfarmen helfen. Mich freut auch sehr, dass die Gesellschaft Veganer nicht mehr mit Ökospinnern gleichsetzt. Vegan ist akzeptiert und das spiegelt sich auch im Supermarkt und in Restaurants wider, das Angebot an alternativen Produkten wächst massiv und das ist auch gut so. Sicherlich haben die Aufnahmen aus Mastbetrieben sehr dazu beigetragen, dass ein Umdenken stattfindet. Aber auch die Tatsache, dass tierische Produkte immer wieder bei Lebensmittelskandalen betroffen sind (Vogelgrippe, MKS, BSE etc.), führt dazu, dass immer mehr Konsumenten ihre Ernährung umstellen. Ich bin sehr gespannt, wie es in 10 Jahren aussieht.

 

12. Sandy: Gibt es ein „Schönstes Erlebnis" im Zusammenhang mit deiner Tätigkeit?

 

Jan: Es gibt immer wieder schöne Momente, so z.B. wenn ich bei der Rettung von Tieren dabei sein kann und sie dann auf Lebenshöfen sehe. Wie bei der Rettung von Heidi, einer kleinwüchsigen Kuh, die wir von der Kette retten konnten und die jetzt auf einem Hof in Brandenburg lebt. Weitere Informationen: www.tier-patenschaft.de/tierpatenschaft-kuh-heidi/

 

 

13. Sandy: Wie kann man eure Projekte unterstützen? 

 

Jan: Auf verschiedenen Wegen. Was wir immer brauchen, sind Spenden, denn die Arbeit und auch die juristischen Auseinandersetzungen kosten leider sehr viel Geld, und wir erhalten keine Unterstützung vom Staat. Damit jeder sehen kann, wie wir mit Spenden umgehen und wofür sie verwendet werden, tragen wir ein Spendensiegel und veröffentlichen unsere Ein- und Ausgaben transparent im Internet. Zudem sind wir als gemeinnützig anerkannt und können für jede Spende auch eine Spendenquittung ausstellen. Auch sind wir immer auf der Sache nach Menschen, die uns unterstützen, sei es ehrenamtlich bei Demos und Aktionen oder hauptamtlich in unserem Berliner Büro. Hier alle Links dazu:

Spenden: https://www.tierschutzbuero.de/spenden/

Übersicht Einnahmen/Ausgaben: https://www.tierschutzbuero.de/transparenz/

Aktivisten-Netzwerk: https://www.tierschutzbuero.de/aktivisten-netzwerk/

Jobs beim Tierschutzbüro: https://www.tierschutzbuero.de/jobs/

 

 

Vielen Dank Jan für deine Zeit und weiterhin viel Erfolg bei deinen Projekten!

Sandy P. Peng

 

 

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DEUTSCHES TIERSCHUTZBÜRO E.V. | JAN PEIFER

Webseite: www.tierschutzbuero.de

Facebook: www.facebook.com/Tierschutzbuero

 

Das „Deutsche Tierschutzbüro e.V.“ kämpft gegen alltägliche Tierqual. Jan Peifer und sein Team dokumentieren Tierquälerei und machen sie öffentlich, üben mit spektakulären Aktionen und intensiver Medienarbeit Druck auf die verantwortlichen Politiker aus und greifen direkt ein, um Tierleben zu retten.


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Deutsches Tierschutzbüro Demo Hamburg
Deutsches Tierschutzbüro Demo Hamburg Jan Peifer Sandy P. Peng


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