Tagebuch der Milchkuh Frieda

"Ich bin jetzt mit dutzenden anderen Kühen, die ebenfalls unrentabel sind, im Transporter zum Schlachthof. [....] Aus der Fahrerkabine tönt das Radio. Es kommt gerade eine Werbung, die regionale und faire Milch von glücklichen Kühen anpreist. Ob die wohl mich damit meinen?"

 

Die marie-Redaktion ist auf das Tagebuch einer Vorarlberger Milchkuh gestoßen. Einer Milchkuh, wie es Tausende bei uns im Ländle gibt.

 

Und wir waren völlig von den Socken, was da alles drin steht! Kaum zu glauben, wie wenig wir über das Leben einer Milchkuh wissen, wo wir doch ganz selbstverständlich täglich Milch oder Milchprodukte konsumieren. Auszüge aus dem Tagebuch der Milchkuh Frieda.

 

Text und Fotos: Gernot Hämmerle

 

Diesen Artikel stammt aus der September-2018-Ausgabe der Straßenzeitung marie.

 

 

 

 

13. März 2013 - Lecker Biestmilch nach der Geburt

 

In der Nacht auf heute, gegen 5 Uhr früh, bin ich im Rheintal in einem Stall, in dem etwas mehr als 50 Milchkühe leben, zur Welt gekommen. Der Bauer war bei meiner Geburt dabei und hat meine Mutter Fiona beim Gebären tatkräftig unterstützt. Gleich als ich da war, durfte ich Muttermilch saufen: Herrlich! Die allererste Milch nach der Geburt (Biestmilch) schmeckt nicht nur super, sondern immunisiert auch gegen Krankheitserreger. Ein paar Stunden später wurde ich allerdings von meiner Mutter getrennt und auf Milchaustauscher umgestellt. Der schmeckt scheußlich. Vermutlich weil das natürliche Milchfett durch Palmöl ersetzt wurde. Dieses Gebräu wird angeblich auch nach Afrika exportiert.

 

27. März 2013 - vom Viehhändler abgeholt

 

Ich habe Glück, dass ich als Mädchen zur Welt gekommen bin! Ich darf weiter im Stall wohnen. Meine Jahrgänger, die Stierkälber Bruno, Flecki und Guntram wurden heute am frühen Morgen vom Viehhändler abgeholt.

 

25. Mai - Enthornung

 

Heute wurden mir meine beiden Hornanlagen entfernt. Die Hörner beeinflussen das Sozialverhalten, den Stoffwechsel und den Wärmehaushalt. Allerdings: Enthornte Rinder halten weniger Individualdistanz zu einander, sie brauchen also weniger Platz. Dafür streiten sie öfters um die Rangordnung. Zum Glück hat mir der Tierarzt vor dem Ausbrennen der Hornanlagen noch eine „Wurstigkeitsspritze“ und eine lokale Betäubung verpasst. Aber irgendwie fehlt mir jetzt etwas.

Mein Selbstwert ist angeknackst.

 

10. Juni - Auf die Alpe gekarrt

 

Heute bin ich erstmals auf einer Alpe. Wunderschön hier oben. Aber ehrlich gesagt hatte ich mir den „Alpauftrieb“ anders vorgestellt. Anders als meine Vorfahren durfte ich nicht selbst auf die Alp gehen. Ich wurde auch nicht zuhause an Auslauf und Weide gewöhnt. Meine Stallgefährtinnen und ich wurden direkt aus der Stallbox in einem wackeligen Traktoranhänger auf die Alp gekarrt. Nach ein paar Wochen haben wir uns auf der Jungviehalpe an das Leben in Natur und Freiheit gewöhnt. Mir graut schon davor, wenn ich daran denke, den ganzen Winter wieder ohne Auslauf im Stall verbringen zu müssen. Früher waren wir Jungrinder dreimal auf Sommerfrische, heute nur noch zweimal, weil wir früher abkalben. Damit fehlt den Alpen aber Jungvieh zur Bewirtschaftung.

 

12. August - auf der Alpe gestreichelt

 

Heute haben mich auf der Alpe ein paar deutsche Touristen-Kinder gestreichelt. Und gesagt wie niedlich ich sei. Das war nett. Zu deren Glück war meine Mama nicht dabei, die hätte mich verteidigt und ihnen Beine gemacht.

 

15. Juni 2014 - Tiefkühlsamen aus den USA

 

Anders als meine Vorfahren soll ich nicht erst mit zweieinhalb oder drei Jahren trächtig werden. Bislang war ich für den Landwirt nur ein Kostenfaktor ohne Ertrag. Das soll jetzt anders werden. Ich werde schon im Alter von 15 Monaten besamt, damit ich trächtig werde und Milch produzieren kann. Das ist schließlich der Grund, warum ich am Leben bin. Die Besamung funktioniert ohne Stier, mit ausgesuchten Samen von Zuchtstieren aus aller Welt, aus dem Katalog. Die Samen werden bei minus 196 Grad eingefroren und bleiben jahrelang haltbar. Eine Portion Samen kostet zwischen zehn und 50 Euro, je nach Zuchtwert des Samenspenders. Ich bekomme Sperma, das tiefgefroren über den Atlantik geflogen worden ist. Sperma von einem Superbullen aus USA.

 

2. Oktober 2014 - jetzt bin ich eine Kalbin

 

Die Besamung hat funktioniert. Ich bin erstmals trächtig und damit eine Kalbin. Und wieder einmal hab ich Glück. Ich darf weiterhin in meinem Stall in Vorarlberg bleiben. Einige andere Kalbinnen werden tausende Kilometer in einem Tiertransporter nach Russland gekarrt. Das heißt, offiziell werden sie nach Tirol oder Salzburg transportiert, und erst von dort nach Russland. So können Männer in schwarzen Anzügen sagen, dass es keine Kalbinnen-Transporte von Vorarlberg

nach Russland gibt.

 

1. April 2015 - jetzt bin ich eine Kuh

 

Heute Nachmittag habe ich ein Kalb zur Welt gebracht. Es heißt Fritz. Nach wenigen Stunden wurde es mir weggenommen. Ich werde es nie mehr wieder sehen. Es hat seinen Zweck schon erfüllt. Dadurch, dass ich Fritz zur Welt gebracht habe, kann ich jetzt Milch produzieren. Weil mein Körper glaubt, ich müsse ein Kalb damit ernähren. Tatsächlich muss ich das nicht. Ich muss nur morgens und abends zur Melkmaschine gehen, damit mir möglichst viel Milch abgepumpt werden kann.

 

10. Juli 2015 - wunderbare Mütter

 

Die Monate unmittelbar nach einer Geburt sind – was die Milchproduktion betrifft – die ertragreichsten. Das ist eine Folge der Evolution. Meine Vorfahren, die Auerochsen, gaben ihrem Kalb so viel Milch, wie es zum Überleben brauchte, selbst wenn sie für sich nicht genug Futter fanden. Dafür mobilisierte die Mutterkuh im Bedarfsfall alle ihre Energiereserven. Das sind wunderbare Mütter gewesen. Ich bekomme keine Chance, mich um mein Kalb so aufopferungsvoll zu sorgen. Dafür gebe ich dem Bauern viel mehr Milch, als mir gut tut. Dadurch, dass ich täglich zweimal an die Melkmaschine angeschlossen werde, glaubt mein Körper, das Kalb würde Milch benötigen. Das Melkgeschirr saugt so lange an meinen Zitzen, bis kein Tropfen mehr kommt. Ich werde also täglich – im wahrsten Sinne des Wortes – bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Aus meinem Körper wird mehr Milch in den Kühltank gepumpt, als je ein Kalb hätte saufen können. Seit der Geburt von Fritz habe ich mehr als 90 Kilogramm abgenommen. Meine Hüft- und Schulterknochen ragen gut sichtbar aus meinem Körper.

 

22. Juli 2015 - Männliche Kälber abgeholt

 

Heute war es wieder einmal so weit. Der Tierhändler hat die männlichen Kälber aus unserem Stall abgeholt. Klar, sie sind für die Milchproduktion unbrauchbar und hierzulande – weil sie sehr wenig Fleisch ansetzen – auch unrentabel für die Fleischproduktion. Also im Grunde ein Abfallprodukt. Jeder Tag, den der Bauer sie länger im Stall hat, kostet nur. Männliche Kälber werden deshalb meist so schnell wie möglich, nach wenigen Wochen ins Ausland verkauft, wo sie dann in Industrie-Großbetrieben gemästet werden – unter Bedingungen, die man keinem Tier wünscht. Normalerweise werden die jungen Kälber zuerst zu einer Sammelstelle nach Bozen gebracht. Von dort geht es weiter nach Spanien, Süditalien, Polen oder in die Türkei. Für junge, nicht entwöhnte Kälber, ist so ein Transport oft besonders qualvoll, insbesondere im Sommer, wenn es sehr heiß ist. Sie können aus den Nippeltränken im LKW noch nicht trinken und bleiben deshalb während der Fahrt unversorgt. Ich hoffe, dass vielleicht doch das eine oder andere männliche Kalb in Vorarlberg gemästet wird. Obwohl, in diesem Fall muss es dann schon ganz sicher nach wenigen Monaten sterben. Nämlich sobald es so viel Gewicht hat, dass sich die Schlachtung einigermaßen rentiert.

 

23. Juli 2015 – der Bauer tut mir leid

 

Heute habe ich den Bauern mit seiner Frau reden gehört. Er hat gesagt, dass es ihm jedes Mal im Herzen weh tut, wenn er wieder männliche Jungkälber ins Ausland, ins Elend schicken muss. Aber was soll er machen? Schließlich wird in seinem Betrieb schon seit Generationen Milch erzeugt. Und bei den niedrigen Milchpreisen muss man eben möglichst viel Milch möglichst kostengünstig produzieren. Und dazu noch drauf schauen, dass man möglichst viel Fördergeld

erhält, um überleben zu können. So will es das System, nicht wahr? Ehrlich gesagt, tut mir der Bauer ein bisschen leid. Ob er es wohl jemals schafft, aus diesem für ihn äußerst unbefriedigenden System auszubrechen?

 

26. Juli 2015 - möglichst kurze Zwischenkalbzeit

 

Heute wurde ich wieder besamt. Nur wenige Monate nach der Geburt meines ersten Kalbes. In einer Zeit, die meinem Körper alles abverlangt. Das hat mit Effizienz zu tun. Denn ohne ein neues Kalb würde der Milchfluss versiegen. Auch das ist ein Erbe der Auerochsen: In dieser Zeit hat das Kalb gelernt, Gras zu fressen und zu verdauen. Es braucht immer weniger Milch von seiner Mutter. Das Kalb entwöhnt sich, aber die Molkerei natürlich nicht. Die Zwischenkalbzeit soll möglichst kurz sein, damit ich praktisch ununterbrochen Milch geben kann. Pro Jahr muss ich 8000-10.000 Kilo Milch geben, damit ich für den Bauer rentabel bin. Das ist mehr Milch, als vier meiner Urgroßmütter zusammen geben konnten.

 

16. April 2016 - Kalb Flora geboren

 

In der Nacht auf heute habe ich das Kalb Flora geboren. Es durfte reichlich meine Biestmilch saugen. Ein paar Stunden später wurde mir Flora weggenommen.

 

17. August 2016 - auf der Alpe

 

Wie im letzten Jahr, so wurde ich auch heuer wieder auf die Melkalpe gekarrt, um den Sommer hier zu verbringen. Dafür bekommt der Bauer extra Fördergelder. Vor allem aber werden ihm die Alpflächen auf den Heimbetrieb angerechnet, damit er nicht den Grenzwert „Großvieheinheit pro Hektar“ überschreitet. Mit uns Kühen wurde auch tonnenweise Kraftfutter auf die Alpe gebracht. Denn nur mit Gras und Heu von der Alpe können wir Hochleistungskühe nicht genug

Energie aufnehmen, um unsere Milchleistung zu erbringen. Wie die meisten Vorarlberger Kühe bin auch ich eine Kuh der Rasse Brown-Swiss. Eine Rasse, die in den USA gezüchtet wurde – mit extra hoher Milchleistung. Als Hochleistungskuh bin ich nicht besonders gut zu Fuß. Ist auch nicht notwendig, die allermeiste Zeit meines Lebens stehe ich ohnehin im Stall. Hauptsache ich bin rentabel. Es heißt, wir Kühe werden auch wegen der Landschaftspflege auf die Alpe gebracht.

Was ich aber nicht verstehe: früher genügte für die Landschaftspflege originales Braunvieh. Die Alprechte wurden auf „Füße“ berechnet. Heute werden hochgezüchtete Hochleistungskühe wie ich – samt Kraftfutter aus dem Ausland – auf die Alpe gebracht. Ist eine Hochleistungskuh wie ich für die Landschaftspflege etwa besser geeignet? Mein Kuhhirn ist wohl zu klein, um das zu verstehen.

 

1. Oktober 2016 - viel Gras und Kraftfutter

 

Heute gibt‘s nix Besonderes zu berichten. Wie fast jeden Tag bin ich die meiste Zeit im Stall gestanden. In ganz Europa geht der Trend in der Milchwirtschaft zur ganzjährigen Stallhaltung und unsere traditionelle Dreistufen-Landwirtschaft (Tal-Vorsäß-Hochalpe) ist gefährdet. Das Gras und das Kraftfutter wird mit einem Traktor in den Stall gebracht und in die Futterbarren geschüttet. Ich muss möglichst viel Gras und Kraftfutter fressen. Das kann ich dann untertags im Stall wiederkäuen. Dabei würde ich mir das Gras lieber selber auf der Weide holen. Komisch, dass die Leute das mit der Heumilch so einfach glauben.

 

15. Mai 2017 – Kalb Fridolin geboren

 

Heute Mittag habe ich das Kalb Fridolin zur Welt gebracht. Es durfte meine Biestmilch saugen. Ein paar Stunden später wurde mir Fridolin weggenommen. Wie immer nach einer Geburt, lässt sich bei mir nun ganz, ganz viel Milch absaugen.

 

23. Februar 2018 - das Todesurteil

 

Ich habe erfahren, dass die künstliche Besamung nicht gefruchtet hat. Ich bin nicht trächtig geworden. Auch die Hormonbehandlung hat nichts genützt. Mein Körper ist energetisch unterversorgt, ausgelaugt. Der Tierarzt hat eine Fruchtbarkeitsstörung diagnostiziert. Dass ich aufgrund der großen Beanspruchung meines Körpers nicht trächtig werde, ist eigentlich eine Schutzfunktion meines Körpers. Das Phänomen kennen viele Hochleistungssportlerinnen: In Zeiten sehr großer Beanspruchung bleibt ihre Periode aus. In meinem Fall ist das Nicht-trächtig-Werden gleichbedeutend mit meinem Todesurteil. Wenn ich nicht mehr kalbe, kann ich in ein paar Monaten keine Milch mehr produzieren. Dann bin ich wirtschaftlich nicht mehr rentabel.

 

20. Mai 2018 – nun bin auch ich eine Wegwerfkuh

 

Es ist so weit. Mich zu füttern kostet mehr, als ich durch meine abfallende Milchleistung erbringe. Ich bin für den Bauern unrentabel. Ich muss es wohl akzeptieren: nun bin auch ich eine Wegwerfkuh. Morgen werde ich zum Schlachthof gebracht. Die natürliche Lebenserwartung einer Kuh hat früher einmal 15-20 Jahre betragen. Heute wird eine Milchkuh in Vorarlberg durchschnittlich im Alter von fünf Jahren und ein paar Monaten geschlachtet. Nicht, weil sie sowieso bald sterben würde, sondern weil das Euter oder die Füße kaputt sind oder sie nicht mehr aufnimmt. Aber immer noch besser als das Schicksal jener zirka tausend Kühe, die jährlich in Vorarlberger Betrieben verenden oder eingeschläfert und von der Tierkörperverwertung entsorgt werden.

 

21. Mai 2018 - der Weg zum Schlachthof

 

Ich bin jetzt mit dutzenden anderen Kühen, die ebenfalls unrentabel sind, im Transporter zum Schlachthof. Ich frage mich, warum uns die Viehhandelsfirma der Landwirtschaftskammer nach Kempten bringt. Der Schlachthof Dornbirn wäre doch viel näher und nicht einmal ausgelastet. Aus der Fahrerkabine tönt das Radio. Es kommt gerade eine Werbung, die regionale und faire Milch von glücklichen Kühen anpreist. Ob die wohl mich damit meinen?

 

HINWEIS: Das Tagebuch der Kuh Frieda enthält Informationen aus dem Buch „Die Wegwerfkuh:

Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. (von Tanja Busse, Blessing-Verlag) - sofern sie auch auf Vorarlberg zutreffen. 

Marie - Die Vorarlberger Straßenzeitung, Sandy P.Peng Blog
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